«Europa ist ein zentraler Markt für die Schweiz, aber wir brauchen dafür keine institutionelle Anbindung», ist Urs Wietlisbach, Investor und Partners Group Gründer, überzeugt. Er zeigt die diversen Fakten auf, die klar gegen das EU-Vertragspaket sprechen und unsere direkte Demokratie und den Föderalismus in der Schweiz gefährden. Zudem warnt er: «Übernehmen wir die EU-Regulierung, verlieren wir unsere Innovationskraft und unseren Standortvorteil.» Und er plädiert bei einer allfälligen Volksabstimmung für das Ständemehr.

Sie sind Investor: Wie wird die Schweiz, respektive unser Wirtschaftsraum vom Ausland wahrgenommen und welchen Stellenwert hat die Schweiz innerhalb Europas?
Urs Wietlisbach: Die Schweiz ist bekannt für ihre hochwertigen Waren und Dienstleistungen. Die Schweiz exportiert von pharmazeutischen Produkten, Präzisionsmaschinen bis hin zum weltweit renommierten Bankensektor weltweit hohe Qualität, für die das Land bekannt ist. Europa ist einer der wichtigsten Märkte für Schweizer Exporte, und dementsprechend geniesst die Schweiz einen hohen Stellenwert unter unseren Nachbarn.
Sie setzen sich für eine weltoffene Wirtschaft ein. Was verstehen Sie konkret darunter?
Ich verstehe unter einer weltoffenen Wirtschaft eine souveräne Schweiz ausserhalb von Wirtschaftsblöcken, die sich für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe sowohl mit den Staaten der EU als auch weltweit einsetzt.
Sie sind Mitinitiant der «Kompass-Initiative»: Das neue Rahmenabkommen mit der Europäischen Union, das heute in Form eines Verhandlungspakets neu formuliert wurde, enthält für Sie und Ihre Mitstreiter diverse Fallstricke. Was sind Ihre Hauptargumente gegen den EU-Vertrag?
Es gibt ganz klare Argumente gegen das Vertragspaket:
- Die institutionelle Anbindung gefährdet die direkte Demokratie und den Föderalismus in der Schweiz – beides die wichtigen Grundpfeiler für unseren wirtschaftlichen Erfolg und die Stabilität im Lande. Mit der dynamischen Rechtsübernahme würden Entscheidungen faktisch von Bern nach Brüssel verlagert. Zudem hätte der EuGH die Auslegehoheit, so dass Schweizer Recht seinen Vorrang verlöre.
- Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell, sie funktioniert besser als die EU. Das zeigen alle wichtigen Wirtschaftsindikatoren. Warum sollten wir uns an ein dysfunktionales System anbinden? Unser wirtschaftlicher Erfolg basiert auf Eigenständigkeit – das sollten wir bewahren und gezielt weiterentwickeln.
- Die EU kann wirklich als Bürokratiemonster bezeichnet werden: 23’646 Rechtsakte – das sind 4× mehr Gesetze als in der Schweiz. Viele davon sind für die Schweizer Realität überdimensioniert (z. B. Lieferkettenpflicht, Ökodesign, Energiekennzeichnung). Mehr EU bedeutet mehr Bürokratie – weniger Innovation, weniger Wettbewerbsfähigkeit und langfristig weniger Wohlstand und Arbeitsplätze.
- Wirtschaftliche Stärke entsteht durch globale Offenheit, nicht durch EU-Anbindung. Auch ohne institutionelle Anbindung bleibt die Exportquote in die EU stabil. Daneben haben wir über 30 Handelsabkommen weltweit. Das zeigt eindeutig: Der bilaterale Weg funktioniert. Wir handeln erfolgreich mit Europa – und mit der Welt. Dafür braucht es keine institutionelle Anbindung.
Wieso beissen sich die direkte Demokratie der Schweiz mit dem System der EU?
Die EU basiert auf Delegation und Zentralismus, die Schweiz auf direkter Mitsprache und Föderalismus. Kurz gesagt: Brüssel agiert top-down, die Schweiz dagegen funktioniert bottom-up. Wenn EU-Recht dynamisch übernommen wird und der EuGH letztinstanzlich entscheidet, wird das Referendum entmachtet. Die Volkssouveränität wäre nur noch Symbolik. Denn wer kann noch frei abstimmen im Wissen, dass Ausgleichsmassnahmen unbekannten Ausmasses drohen. Unsere Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen, Bürger und Kantone bei entscheidenden Fragen mitbestimmen.
Was verstehen Sie unter bilateralen Beziehungen mit der EU auf Augenhöhe?
Für uns bedeutet das: Sektorielle, klare Abkommen, wo beidseitiger Nutzen besteht – keine institutionelle Klammer, kein Rahmenvertrag. Wir verhandeln mit der EU dort, wo es Sinn ergibt, bleiben aber frei, auch mit anderen Partnern weltweit Abkommen zu schliessen. Das ist echte Partnerschaft.
Der Schweizerische Gewerbeverband sgv ist unter anderem sehr skeptisch wegen der Bürokratie-Lawine, die mit den EU-Verträgen unsere Unternehmen überrollt. Wie sehen Sie das?
Die Sorge des sgv teile ich voll und ganz: Die EU produziert eine wahre Bürokratie-Lawine. Lieferkettenpflichten, Ökodesign-Richtlinien oder Kalorienangaben auf Weinflaschen zeigen, wie realitätsfern viele Vorgaben sind – vor allem für KMU. Macron selbst sagte: «Wir regulieren zu viel und investieren zu wenig.» Wenn wir diese Regulierungen übernehmen, verlieren wir unsere Innovationskraft und unseren Standortvorteil.
Gleichzeitig bietet die EU einen 220-Millionen-Einwohner-Binnenmarkt um uns herum. Ist die Schweiz nicht darauf angewiesen, oder anders gefragt: Haben Sie keine Angst, dass wir – wenn wir nicht mitmachen – ins Abseits gedrängt werden?
Natürlich ist Europa ein zentraler Markt für uns – aber wir brauchen dafür keine institutionelle Anbindung. Schweizer Firmen exportieren heute erfolgreich in die EU, ohne Rahmenvertrag. Unsere Produkte überzeugen durch Qualität, nicht durch einen Brüsseler Stempel. Die Schweiz muss frei bleiben, um mit der ganzen Welt zu handeln. Seit 2002 haben sich unsere Exporte nach Asien verfünffacht, nach China sogar um das Achtzehnfache gesteigert. Wer behauptet, ohne das EU-Vertragspaket ginge die Schweiz wirtschaftlich unter, verkennt unsere Stärke. Auch wir sind wichtig für die EU, die übrigens bisher immer an den Verhandlungstisch zurückgekehrt ist. Wir dürfen nicht aus Angst ein institutionelle Bindung eingehen. Gerade unsere Eigenständigkeit ist der Grund, warum die Schweiz funktioniert – und warum sie weltweit erfolgreich ist.
Wie spüren Sie den Puls der Bevölkerung bezüglich den EU-Rahmenverträgen?
Der Puls ist klar: Die Bevölkerung, aber auch die Unternehmerinnen und Unternehmer im Lande sind skeptisch gegenüber der EU. Wir erleben an Veranstaltungen, online und in der Wirtschaft eine grosse Zustimmung für unsere Initiative. Viele spüren instinktiv, dass unsere Demokratie und Eigenständigkeit mehr wert sind als bürokratische Scheinharmonie mit Brüssel.
Die Debatte Schweiz-EU wird dynamisch: Sie haben in nächster Zeit öffentliche Auftritte. Welches sind Ihre wichtigsten Auftritte und wie veranschaulichen Sie Ihrem Publikum, dass mit den EU-Verträgen die Unabhängigkeit der Schweiz auf dem Spiel steht?
Es ist ganz einfach: Fakten, Fakten, Fakten. Wer die Verträge liest, wer sich mit den rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz und in der EU auseinandersetzt, der kann nur zu einem Schluss kommen – diese Verträge gefährden unser Erfolgsmodell. An unseren Auftritten – ob an Podien, Unternehmer-Events oder öffentlichen Informationsveranstaltungen – präsentieren wir diese Zahlen, Zitate und Vergleiche transparent und sachlich. Wir reden nicht ideologisch, sondern zeigen, wie stark die Schweiz dank ihrer Unabhängigkeit heute ist: tiefste Arbeitslosigkeit, stabile Finanzen, höchste Innovationskraft Europas. Die Menschen verstehen das sehr schnell, weil sie die Realität täglich erleben. Deshalb sagen wir immer wieder: Europa ja – aber auf Augenhöhe.
Braucht es bei der allfälligen Volksabstimmung das Ständemehr und wenn ja, wieso?
Selbstverständlich. Denn es geht um die Grundordnung unseres Landes. Wenn ein Vertrag so tief in unsere Institutionen eingreift, muss er vom Volk und von den Kantonen bestätigt werden. Das Ständemehr ist nicht bloss ein technisches Verfahren, sondern ein Instrument des Zusammenhalts. Was Volk und Stände gemeinsam beschliessen, trägt langfristig. Gerade bei den EU-Verträgen darf das doppelte Mehr nicht umgangen werden.
Welche Beziehungen der Schweiz zur EU würden Sie bevorzugen?
Wir wollen eine selbstbewusste, bilaterale Partnerschaft:
- sektoriell, wo es sinnvoll ist,
- ohne Rahmen- oder Paketzwang und institutionelle Anbindung,
- mit Respekt vor Volk und Kantonen.
So bleibt die Schweiz unabhängig, wettbewerbsfähig und offen – eine vernetzte Schweiz auf Augenhöhe mit Europa und der Welt.
Verlassen wir das politische Parket: Sie haben das traditionelle Fünfstern Hotel Kulm gekauft. Wie weit ist Ihr Projekt «Arosa Kulm» fortgeschritten und wie positionieren Sie das neue Kulm?
Wir starten im April 2026 mit dem Rückbau sowie mit dem Umbau des Hotels. Parallel erfolgt der Aushub sowie aufwendige Hangsicherungsmassnahmen für die Neubauten. Das neue Arosa Kulm Hotel vereint 150 Jahre Geschichte mit modernem Anspruch an Gemütlichkeit, Komfort, Service sowie Nachhaltigkeit und wird sich als sportliches Haus der Extraklasse präsentieren, in dem Altbewährtes erhalten bleibt, ergänzt durch innovative und zukunftsweisende Angebote. Es wird zum ganzjährigen Anlaufpunkt. Qualifizierte Expertinnen und Experten für Sport und Gesundheit werden die Gäste auf hohem Niveau betreuen, eine gesunde und vielfältige Spitzengastronomie wird alle Wünsche erfüllen. Wieder aufblühen soll auch das legendäre Nachtleben des alten Arosa Kulm mit Tanz nach den Kerzendinners, mit Livebands und Entertainment – ein Ort, an dem sich alle Gäste jeden Alters wohlfühlen werden. Wer sich dem genussreichen Essen, dem Sport, der Gesundheit, verschrieben hat, dem wird das neue Arosa Kulm ein Zuhause sein.
Sie gründeten zusammen mit Ihrer Frau Simone die Ursimone Wietlisbach Stiftung. Welche Idee steckt dahinter und was ist Ihnen dabei wichtig?
Unsere Stiftung will mit langfristigen Investitionen und Partnerschaften sicherstellen, dass möglichst viele Menschen und Gemeinschaften Zugang zu ganzheitlicher Gesundheit, persönlicher Entwicklung und einem aktiven Leben haben. Uns ist es zudem ein wichtiges Anliegen, zu zeigen, dass sich Verantwortung und Rendite nicht ausschliessen.
Was wünschen Sie sich persönlich für die Schweiz?
Ich wünsche mir, dass die Schweiz ihren eigenständigen, über Jahrzehnte aufgebauten Erfolgskurs behält und nicht in einer institutionellen Annäherung ihre Wettbewerbsvorteile leichtfertig verspielt.
Interview: Corinne Remund
Öffentliche Veranstaltung mit Urs Wietlisbach
Perspective CH lädt am Dienstag, 2. Dezember, um 20 Uhr in den Gasthof Ochsen in Lupfig zum traditionellen Mitgliederanlass ein. Dabei geht es um das Thema «Rahmenabkommen 2.0 & Kompass-Inintiative». Urs Wietlisbach wird dabei unter dem Titel «Wie sichern wir unseren Wohlstand» zur Kompass-Initiative und dem EU-Vetragspaket referieren.







